the real artist in residence backflash and simpatico dresscodes (2)

To Whom It May Concern,

Wie legt man überhaupt so eine simulierte Writers Residency an, wenn man das Notebook nicht auch auf dem Vaporetto auspacken kann? Ich glaube, eher in der Früh und Nachts schreiben, dazwischen was erleben, wahrnehmen, nachdenken. Ich habe beschlossen: Das Problem mit der fehlenden Steckdose zu lösen, würde zuviel kostbare Rumgehzeit beanspruchen, 2,5 Tage ist shortly, lieber mal schauen, wie weit ich mit dem Akku komme, ggf Texte nachreichen.

Nachdem man am Morgen von Tag 2 ein weirdes Brötchen mit allem was drauf ging, hatte, wollte man gegen Mittag das jüdische Viertel erreichen und spätestens am frühen Abend den Lido besichtigen, im besten Fall auch beschwimmen. Auf Reisen schaut man wieder ganz anders auf das eigene Leben. Ja, das ist ein Gemeinplatz, aber einer, der mich trotzdem jedes Mal wieder aufs Neue kriegt. Memo an mich: Noch mehr reinhauen bei den eigenen kreativen Sachen und noch mehr Zeit für Peace und Leichtigkeit. (Später an dieser Stelle das eine Anthony-Hopkins-Inspirational Quote nachreichen. Das “mit ins Meer springen”.)

Musste grad dran denken, dass ich lustigerweise erst vor kurzem ganz zufällig Zeugin einer richtigen (im Sinne von formatgetreuen) Artist in Residence wurde. Bei einer Gratis-Backstage-Führung durchs Museumsquartier vor ein paar Wochen landeten eine Freundin und ich als Teil einer größeren Gruppe plötzlich in einem der Studios, die das MQ für Artists in Residence zur Verfügung stellt. Zu zehnt stand man also in dem kleinen Wohn-/Schlaf-und Arbeitsraum herum, den damals ein französischer Animationsfilmkünstler bewohnte. In so einer Situation weiß man ja nie so recht, wohin mit sich. Also wenn’s plötzlich intim wird, ohne wirklich intim zu werden. Nur noch weirder ist es, so eine Experience als Menschentraube zu erleben. Ich meine, wo stellt sich ein Dutzend Menschen casual hin? Macht sowas ein ohnehin schon kulturell überstrapazierter Wiener Kreislauf überhaupt mit? Und wie lange kann man dem ureigenen Körperbedürfnis “Sitzen!” widerstehen, ohne ihm nachzugeben und sich als Gruppe einfach auf das gemachte Bett eines Fremdes zu setzen?

Fragen, die ich mir nicht länger stellen wollte. Ich lehnte mich gegen die Wand, die gegenüber vom Schreibtisch stand. An diesem wiederum stand der Künstler selbst, zu uns gewandt und im rechten Winkel zu seinem Computer. Mit ruhiger Stimme und ausgeprägter Bildschirmblassheit erzählte er uns von seinen letzten Kurzfilmen. Als ihn keiner mehr dazu ausfragte, dachte ich, “Das war’s jetzt” und stellte mich darauf ein, dass wir wahrscheinlich gleich wieder gehen würden. Aber nein. Der nette Künstler warf plötzlich in den Raum, dass er uns ja noch einen seiner Filme zeigen könnte. Die Traube raunte daraufhin etwas Diffuses, das man schon als Zustimmung interpretieren hätte können, wenn man wollte, und schon war sein Media-Player gestartet.

Eine Frau, die links vom Bildschirm stand, wollte sich nach circa 10 Minuten nur kurz auf dem Schreibtisch abstützen: Erste Dinge flogen durch die Gegend. Der Franzose lächelte, “No problem”, sagte er auf Englisch. Mit der gleichen Einstellung zeigte er uns gleich darauf noch einen seiner Filme. Er hatte für jenen Zeichnung für Zeichnung mit der Hand angefertigt – inklusive Animieren ergab das ein Projekt von einem ganzen Jahr. Die Traube und auch die Leiterin der Führung wurden trotz der Qualität des Gezeigten zunehmend unruhiger. Letztere brach schließlich das Screening ab, relativ freundlich – sie hatte  die gute Begründung parat, dass es ihr leid täte, aber die nächste Führung schon warten würde. Wir verließen also eher abrupt die Real Artist in Residence, die Gruppenleiterin verabschiedete sich kurz und knapp und hetzte davon. Allein die Vorstellung, dass danach gleich wieder eine Truppe vor dem 14 Zoll Bildschirm campierte –  einfach nur großartig.

Zu so einem spontanen Großhappening sollte es bei meiner Kurz-Writer’s Residency leider nicht kommen, um das nahegelegene Gelände der Biennale herum scheinen allerdings ebenfalls regelmäßig intellektuelle Grätzlführungen stattzufinden. Am Guiseppe Di Garibaldi-Denkmal, das mich btw schwer an die wunderschöne Szene im Film “Call me by your name” erinnerte, glaubte  ich gestern eine solche Zusammenkunft beobachtet zu haben. Ich meine, Menschen, die in preppy Leinengewänder Jahreszahlen besprechen, was soll das sonst sein? Das Schöneste aber in Castello ist, dass hier, wie bei uns in den 90er Jahren auch heute noch im Jahr 2018 garderobenmäßig alles geht. Später an diesem Abend sah ich zum Beispiel eine Kellnerin in einer schicken Trattoria, die ihr Service in einem schwarzen Tshirt mit Golddruck durchführte. Nichts Besonderes so far? Wait for it…. Der komplette Text auf dem Shirt war von der Ferne zwar leider nicht erkennbar, aber das erste Wort genügte schon: S E X prangte von ihrem Shirt. Aber auf eine so selbstverständliche und exponierte Art, als stünde es gar nicht wirklich da. Während sie die Speisen schleppte, besang ein Frau-Mann-Duo unter Keyboardsamples ihre Wege durch das Lokal und keiner der Gäste schien ihre Kompetenz in Frage zu stellen. Das merkte man irgendwie. Es war einfach egal. So wie bei uns Anno 1998, wo die Kombi “Fruit of the Loom-Pulli plus übermächtige Cordhose” fast für alle Anlässe als angemessen genug galt.

(Der Akku ging dann doch noch früher als gedacht zur Neige, aber wurscht. In Venezia wird nicht lang gehadert und die restliche Tipperei einfach auf die Zugfahrt und zuhause verlagert.)

Ciao e  Grazie, Venezia.
Danke für die erste logisfreie Writer’s Residency e a 
presto,

Nadine

P..S: Memo an mich: Bei der nächsten Writer’s Residency Simulation mögliche Steckdosenissues und Co. bedenken.

P.P.S: Nachreichung: Folgendes inspirierende Zitat (No irony intended) postete Anthony Hopkins, zumindest wenn man der Google-Bilder-Suche glauben möchte, einst höchstpersönlich auf seinem Facebook-Account:

“None of us are getting out of here alive. So please stop treating yourself like an afterthought. Eat the delicious food. Walk in the sunshine. Jump in the ocean. Say the truth that you’re carrying in your heart like hidden treasure. Be silly. Be kind. Be weird. There is no time for anything else”


Ungeheuer von einem Schiff, das ich beim Vorbeifahren auf drei Handyfotos im Querformat nicht draufgebracht habe;  auch Albtraum für Menschen wie mich, die schon nicht ohne Reisekaugummi Vaporetto fahren können

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